#26 „1.150 km auf dem Atlantik“

Die Nervosität steigt. Wir warten auf ein günstiges Wetterfenster, um die Straße von Gibraltar zu überqueren, um endlich mit dem Atlantik in Berührung zu kommen. Neues Ziel sollen die Kanarischen Inseln sein.

Der 17. September zeigt sich als günstiger Starttermin. Ein recht weiträumiges Hoch liegt dabei westlich von Madeira. Somit kann sich von Gibraltar aus bis zu den Kanaren ein nördlicher Wind einstellen, der bis Höhe Casablanca noch mehr aus NW bis N kommt und ab hier weiter südlich beginnt rechts zu drehen auf NE. Somit hätten wir durchwegs achterlichen Wind mit Annäherung zu den Kanaren. So schildert uns unser Meterologe, Sebastian Wache von Wetterwelt.de, die Lage. Ja dann geht`s jetzt los. Dieses Hoch wollen wir nutzen, um gut durch die Straße von Gibraltar Richtung Kanaren zu kommen.

Um 8 Uhr morgens legen wir bei noch wenig Wind ab. Auch dieser Starttermin ist genauestens geplant, denn durch die Straße kann man nicht „irgendwann“ fahren.

Weil das Niveau des Mittelmeeres 1,40 Meter niedriger ist als das des Atlantik, setzt eine mächtige Strömung von West nach Ost. Pro Tag laufen hier 1 Million Kubikmeter Meerwasser von links nach recht und sorgen in der Straße für 3-4 Knoten Strömung. In der Meerenge gibt es entweder Westwind oder Ostwind. Gewechselt wird nicht täglich, sondern eher wöchentlich. Der Wind bläst meist stark und durch die Straße können aus 4 bft schnell 6 bft werden. Weil kältere Luftströme aus dem Atlantik beständig auf feuchtwarme Mittelmeer-Luft treffen, kann sich selbst im Sommer hier Nebel bilden. Also nur mit AIS da rein.

Drei Stunden nach Hochwasser Gibraltar findet man gute, westsetzende Strömungen nahe der Ufer, die sogenannten Neerströme, die entgegen des Hauptstroms fließen. Drei Stunden nach Hochwasser, dass ist am 17. September genau um 8 Uhr 32. Und so legen wir auch los. Wir halten uns an den Plan. Mit einer gewissen Anspannung legen wir ab. Es ist düster und leicht nebelig. Immer wieder kreuzen große Tanker und Frachtschiffe unseren Kurs. Wir halten uns nördlich Richtung Tarifa. Der Strom ist merkbar, das Wasser schwabbt in allen Richtungen, der Wind nimmt zu und bei 25-30 Knoten segeln wir mit 7 bis 8 Knoten durch die Straße von Gibraltar. Nach Tarifa segeln wir noch 40 Seemeilen weiter und nutzen den Strom, um ein wenig von der Küste Marokkos wegzukommen, um dann nach Süden in Richtung der Kanaren zu gelangen. Viele Hunderte Seemeilen liegen vor uns – die längste Fahrt, seit wir im Mai los sind von Izola. Wir sind auf dem Atlatnik.

5 Tage und 5 Nächte – bis nach La Graciosa

Unsere Reise von Gribraltar nach La Graciosa dauert 125 Stunden. Obwohl der Atlantik uns mit Wellen von 1,5 bis 2 m begrüßt, was für den Atlantik normal und nicht allzu hoch ist, geht die Schaukelei los. An Schlaf ist kaum zu denken. Wir wechseln uns im 3 Stunden Rhythmus ab. Das hat sich mittlerweile gut bewährt.

Da ist zunächst das unglaubliche Geräuschesammelsurium. Es klappert, raunzt, knarrt, quitscht, klirrt, ächzt, rauscht, gurgelt, ……..Praktisch jedes Geräusch zu dem jemals ein Wort erfunden wurde, kommt hier vor. Kommt ein neues Geräusch dazu, ist man hochkonzentriert und prüft, ob beim Schiff alles ok ist. Wer Segeln hier mit Ruhe in Verbindung bringt, ist bei dem Seegang falsch am Platz. Zumindest nicht bei der Größe unseres Bootes. Niemals ist es ganz ruhig und niemals liegt das Boot ruhig. In der ersten Nacht, in der Koje liegend, glaubt man, sich in einer Waschmaschine zu befinden. Hin und her, vorwärts und rückwärts und dann wieder von vorn. Und so geht es Stunde um Stunde, Tag und Nacht. Wer anfällig ist, Seekrank zu werden, ist hier genau richtig. Und ihr könnt es euch schon denken. Doris ist es. Und so kommt es auch, dass sie von 5 Tagen Überfahrt – 4 Tage mit Übelkeit und Brechreiz zu kämpfen hat. Physisch und psychisch eine große Belastung – für beide.

Und dann gibt es die Momente, an denen wir ein ganzes Leben daran erinnert werden wollen. Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge in unbeschreiblicher Schönheit. Ein tiefblaues Meer, welches die Seele streichelt. Delfine, die uns am Tag und vor allem in der Nacht begleiten. In der Dunkelheit kann man sie nicht erkennen, nur hören. In der letzten Nacht begleiten sie uns eine ganze Stunde. Delfine können angeblich bis zu 100 verschiedene Laute von sich geben. Viele dieser Laute dienen dazu, sich untereinander zu verständigen.

Und Christian: Ja er hat auch eine besondere Art der Begegnung. Bei seiner „Wache“ macht es in der Dunkelheit im Mondschein plötzlich einen lauten Knall und ca. 30 Meter von unserer Dancing Pearl entfernt, kommt eine riesengroße Fontäne zum Vorschein. War das jetzt ein Wal? Das Schauspiel ereignet sich nur einmal. Wir denken, dass es einer war, sicher sind wir uns jedoch nicht.

Während der Überfahrt ist man ganz auf sich alleine gestellt. Ab und zu kreuzen 200 m lange Tanker unseren Weg. Wir denken viel über unser Leben nach. Wir denken wieder an unsere Kinder, wie stolz wir auf sie sind. Sie entwickeln sich zu unglaublich starken Persönlichkeiten. Weiters lassen wir unsere letzten 4 Monate Revue passieren. Was wir alles erlebt haben, wie viele Buchten und Dörfer wir eigentlich hinter uns gelassen haben und ….. ja wir reden auch sehr viel darüber, dass wir uns manchmal wieder in einem Hamsterrad befinden. Von Bucht zu Bucht, von Dorf zu Dorf, von Insel zu Insel. Immer mit einem gewissen Druck. Der Wind und das Wetter muss passen. Wir müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein. Für die Straße von Gibraltar ist die beste Zeit Mitte September bis spätestens Anfang Okotber zu überqueren. Diesen Plan hatten wir immer im Kopf in der Vergangenheit. Und wir merken: Es geht schon wieder um ZEIT. Unsere Auszeit dauert 1 Jahr. Viele SeglerInnen, die wir kennenglernt haben, belächeln uns und meinen: „1 Jahr – viel zu kurz.“. Wir verstanden es nicht – 1 Jahr ist doch unglaublich lange. Ja es hört sich lange an. Ist es aber für so eine Reise nicht. In den letzten 4 Monaten verweilten wir nie länger als 1 Woche an irgendeinem Ort. Und wenn wir blieben, dann nur um ein Tief abzuwettern. Wir kommen nicht dazu, laufen zu gehen. Wir vermissen die Berge, das Wandern – die Bewegung.

Wir fragen uns: Ist das jetzt Entspannung oder Anspannung?

Wir sind uns plötzlich einig. Es ist immer mit einer gewissen Anspannung und mit einem gewissen Stressfaktor verbunden. Wir merken, wir sind wieder in einem Hamsterrad gelandet.

Und wie sehen die nächsten Monate aus? Ja – es soll ja weitergehen – Nach den Kanaren, zu den Kap Verden. Im Dezember/Jänner dann über den Atlantik. 2 Monate können wir dann von Insel zu Insel hüpfen ( wir wollen ja so viel wie möglich von der Karibik sehen ) und uns dann Gedanken machen, wie wir im April schon wieder die Retourreise antreten, denn eines ist uns in den Monaten klar geworden – das Schiff soll wieder zurück in unseren Ausgangshafen.

Puhhh. Hört sich jetzt plötzlich nach Stress für uns an. Wollen wir das jetzt überhaupt noch? 5 Tage und 5 Nächte denken wir darüber nach. Und gemeinsam treffen wir die Entscheidung.

Unser Navigationsgerät wird neu programmiert

Wir finden den Mut auch aus diesem Hamsterrad auszusteigen. Wir haben 1 Jahr und wir wollen dieses Jahr so schön wie möglich und so genussvoll wie möglich verbringen. Wir müssen anderen und vor allem uns nichts beweisen. Der Plan den Atlantik zu überqueren war da. Richtig es war ein Plan und Pläne können geändert werden. Wir merken, die Zeit für diesen Plan ist zu kurz für uns. Wir wollen nicht weiter von Insel zu Insel stressen über den Atlantik mit viel Übelkeit und Stress segeln, damit wir für kurze Zeit die Karibik sehen, um dann wieder für 4000 km mit Übelkeit und Stress retour zu segeln. Denn eines ist uns in den 5 Tagen klar geworden – Tage- und Nächtelang zu segeln ist keine Entspannung für uns, obwohl wir günstige Wetter- und Wellenbedingungen hatten.

Sind wir jetzt gescheitert?

Für uns ist es kein Scheitern. Und auch unsere Kinder bestätigen es und muntern uns auf, denn einfach ist und war unsere Entscheidung nicht. Es flossen doch Tränen während dieser Planänderung. Unser Sohn Sebastian teilt uns auch noch im ersten Augenblick mit: “ Seid ihr verrückt? Das war immer euer Ziel und ihr habt mir beigebracht, wenn man sich was vornimmt, dann zieht man das auch durch? Ihr werdet es für immer bereuen!“

Ist das wirklich so? Sollen wir es durchziehen. Schaffen würden wir es, da sind wir uns einig, doch zu welchem Preis?

Doch im gleichen Augenblick muntern uns unsere Kinder auf, lachen und meinen: “ Macht das was euch glücklich macht und nicht was andere von euch denken oder erwarten. Das Leben ist zu kurz für irgendwann. Egal ob ihr rechts oder links abbiegt. Wir stehen hinter euch. Die Route wird einfach neu berechnet.“ Weise Worte von unsren Kids – nicht wahr?

Wir treffen Entscheidungen in unserem Leben. Wir probieren Dinge aus. Wir biegen links ab, wir biegen rechts ab. Denken wir nur an unser Navigationsgerät. Egal ob wir links oder rechts abbiegen. Egal wie oft wir vom Weg abkommen. Und obwohl die freundliche Stimme sagt, wir sollen rechts abbiegen und dann biegen wir doch aus irgendeinen Grund links ab. Ohne jegliche Kritik schaltet sich die Stimme wieder ein und sagt: Die Route wird neu berechnet. Und dann bietet sie alles Nötige, um an das Ziel zu gelangen.

Und wir denken, dass Universum funktioniert genauso. Es hat alles einen Sinn im Leben und alles was passiert ist kein Zufall. Und genau so sehen wir es.

Wie geht es jetzt weiter ?

Unsere Route wird neu berechnet

Erkenntnis der Woche

Das Leben ist einfach. Du triffst Entscheidungen und blickst nicht zurück

5 Kommentare

  1. Ahoi Christian & Doris!
    Ihr seid nicht gescheitert, sondern gescheiter geworden.
    Schiffe scheitern an Riffen, nie an tiefen Erkenntnissen.
    Nicht alle Pläne und Träume müssen erfüllt werden, denn die sind Antrieb.

    Willst du immer weiterschweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da!

  2. Liebe Doris, lieber Christian,
    Ich bewundere euren Mut, diese Entscheidung zu treffen. Schön, dass ihr auf euch selbst schaut und das macht, was euch gut tut.
    Weiterhin eine schöne Zeit
    Alles Liebe
    Michaela

  3. Somit einen „Herzlichen Glückwunsch“ von meiner Seite zu Eurer Entscheidung!
    Wenn Ihr Zeit und Lust habt, besucht doch Gomera, vor allem der Südwesten (Valle Gran Rey) haben es mir angetan! Es ist wunderschön dort und es gibt sehr viele Delfin- und Walbegegnungen vor der Küste! Und falls es Euch in die „Cacatua-Bar“ verschlägt, unbedingt die pappas arrugadas ausprobieren!
    Ganz liebe Grüße an Euch!
    Ronnie

    • Danke lieber Ronnie!

      Der Plan wäre Gomera zu besuchen, falls wir es schaffen werden wir deinen Tipp gerne probieren.

      Liebe Grüße
      Doris und Christian

  4. Hallo Doris, hallo Christian!

    Eure Worte, dass Ihr entdeckt habt wieder in einem Hamsterrad zu stecken, haben mich tief bewegt! Ich denke zwar gerne darüber nach, auch mal auszubrechen – dass man aber dabei wieder so leicht in eine neue Routine verfällt, war mir bis jetzt nicht bewusst! Ich bin mir sicher, Ihr habt Euch eure Entscheidung nicht leicht gemacht, umso mehr könnt Ihr wahrscheinlich dazu stehen!

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